Ev.-luth. Reiherstieg-Kirchengemeinde

Her finden Sie mehr Informationen zur

  1. GESCHICHTE und AKTUELLEN SITUATION DER KIRCHENGEMEINDE
  2. EMMAUSKIRCHE (Mannesallee)
  3. PAUL-GERHARDT-KIRCHE (Georg-Wilhelm-Straße 121)

1. Die Reiherstieg-Kirchengemeinde: Geschichte und SELBSTVERSTÄNDNIS

Wilhelmsburg

ist ein Ort, wo Menschen ihre Träume seit jeher leben: Vor tausenden

von Jahren besiedelt, als Menschen lernten, Sumpfland durch Eindeichung

urbar zu machen. Fischerkaten und Bauernhöfe entstanden damals. Die Nähe

zur wachsenden Stadt Hamburg bürgte für guten Handel. Wilhelmsburg kam

vor 333 Jahren zu seinem Namen, weil Georg-Wilhelm von

Braunschweig-Lüneburg, der Ahnherr vieler Royals des heutigen Europa ein

Erbgut für seine Tochter Sophie-Dorothea suchte und kurzerhand die

eingedeichte fruchtbare Elbinsel von den Groten abkaufte. Große Politik

bei kleinen Leuten; der Herzog wurde allerdings auf der Insel nie

gesehen. Napoleon legte später für schnellere Eroberungszüge die heutige

Georg-Wilhelm-Str. an. Und die Bevölkerung? Zu Zeiten der Schifffahrt

und des Frei-Hafens zogen ab 1890 immer mehr Menschen herbei, die Arbeit

suchten. Nicht mehr nur Bauernslüd, sondern Zugereiste prägten die

Straßen. Der Hafen wuchs und lockte Industrie, diese wiederum schuf neue

Arbeitsplätze. Ja, Wilhelmsburg steht für den Ort, an dem seit jeher

die kleinen Leute ihr Auskommen suchten und fanden über alle Grenzen

hinweg: Als Handwerker, Facharbeiter, Hilfsarbeiter, Fabrikanten, Bauern

und Angestellte. Wilhelmsburg ist auch ein Ort, wo viele Zuflucht

suchten vor Hunger und Armut, die meisten blieben, manche bestiegen ein

Schiff und wanderten aus in die „Neue Welt“.

 

Die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Krieg

brachte dann erneut Menschen hierher, die Vertriebenen und Flüchtlinge,

die notgedrungen und nicht überall willkommen eine neue Heimat suchten.

Später kamen die Menschen an, die sich lange unsicher waren, ob sie

bleiben wollen und bleiben dürfen, ob sie Gäste sind oder Durchreisende,

Einwanderer oder gar MitBürger - die Migranten aus Südeuropa, dem

Balkan, dem Orient und Afrika. Fast alle fühlen sich inzwischen als

Wilhelmsburger und haben Kinder und Enkel...

 

So ist Wilhelmsburg seit langem von

Gegensätzen geprägt, ist ein Ort von ganz unterschiedlichen Welten:

Pferdeweiden, Gemüseanbau und Naturschutzgebiet neben Industrie,

Containerterminals, Hochhäusern und Schnellstraßen. - Alteingesessene

Wilhelmsburger mit langer Familientradition neben vielen Zugezogenen und

Kurzbewohnern. - Die plattdeutsche Kultur neben Internationalität.

Liberale Freidenker, die Tür an Tür mit anatolischen Strenggläubigen

wohnen. Langzeitarbeitslose, die auf den Landwirt in 10. Generation

treffen.

 

Wilhelmsburg ist spannend, denn Gegensätze

schaffen Spannungen. Spannungen, die selten so spektakulär sind, wie es

das allgemeine Vorurteil über diesen Stadtteil sehen möchte. Aber so ist

es nun einmal, verschiedene Leute träumen nicht immer den selben Traum,

sondern ihren persönlichen. Und sie erzählen ihn auch nicht immer

weiter, weil sie nicht die gleiche Sprache sprechen oder Angst haben,

ausgelacht zu werden. Und es gibt in den unterschiedlichen Kulturen und

Traditionen durchaus auch unterschiedliche Träume. So manche Menschen

scheinen in Wilhelmsburg zudem auch aufgehört haben zu träumen, denn ein

besseres Leben ist eh nicht in Sicht, woher soll es herkommen? Von

Sozialhilfe oder Hartz IV oder gar dem schmalen 1-Euro-Job?

 

Und doch: Es ist zu spüren bei aller

Bewegtheit und allen Neuanfängen nach Industrialisierung, Kriegsbomben

und Flutkatastrophe, bei Menschen aus allen Weltteilen, dass es durchaus

bei vielen die Sehnsucht nach einem gemeinsamen Traum gibt; der heißt

vielleicht nicht so vollmundig „Integration“, aber „gutes

Zusammenleben“. Benachteiligungen werden wahrgenommen, Probleme zur

Sprache gebracht, Konflikte diskutiert und eine Abschottung von

einzelnen Bevölkerungsgruppen wird schnell mit Unbehagen registriert: So

was passt hier nicht her, das wollen wir nicht hinnehmen! Wir wollen in

Frieden und Offenheit hier leben.

 

Die Kirche ist seit 1000 Jahren in

Wilhelmsburg, der erste Kirchbau der Kreuzkirche  Kirchdorf seit 1376.

Seit 112 Jahren gibt es die Kirchengemeinde Reiherstieg, in dem

Westteil, der in besonderem Maße von den oben genannten Gegensätzen

geprägt ist. Seit der Gemeindegründung galt es, Menschen mit

unterschiedlichen Traditionen, Gesinnungen und Frömmigkeitstypen zu

betreuen und anzusprechen. Selten in den 112 Jahren war es so, dass sich

die Gemeinde auf einem Ruhekissen gesicherten Gemeindelebens ausruhen

konnte. Der Wandel war und ist spürbar in der Kirche vor Ort. Die

Aufgaben wuchsen im Laufe der Zeit. Zunächst sollten die kirchenfernen

Arbeiter durch christliche Erziehung diszipliniert und missioniert

werden. Doch Widerstand formierte sich: „Das Geld für eine Kirche sollte

man doch lieber für dringend benötigte soziale Zwecke ausgeben!“ hieß

es 1892 in der Arbeiterschaft. „Wir gehen doch nicht mit den Arbeitern

und Tagelöhnern in dieselbe Kirche!“ hieß von Seiten der

alteingesessenen oder besser situierten Anwohner.

 

Ja, der Traum von friedlicher Gemeinschaft

fällt nicht vom Himmel. Abschottung, Misstrauen und Eigennutz stehen dem

oft entgegen. Und doch lässt sich etwas verändern und dazu hat in

Wilhelmsburg die Kirche immer beigetragen. Es gab Pastoren und

Gemeindemitglieder, die sich der sozialen Frage aktiv stellten, oft im

Kampf mit der Kirchenobrigkeit. Es entstanden vorbildliche diakonische

und seelsorgerliche Einrichtungen, die z.T. seit 100 Jahren Bestand

haben: Die evangelische Warteschule, heute Kindertagesheim, ein Heim für

Stadtranderholung, Gemeindeschwestern und Diakoniestation,

Arbeitsloseninitiative, Kleiderkammer, Armenspeisung, Lebens- und

Sozialberatung, Selbsthilfegruppen und traditionelle Neigungskreise.

 

Doch in den letzten Jahrzehnten wurde auch

deutlich, die Aufgabe der Gemeinde in einem so vielschichtigen Stadtteil

liegt nicht nur bei der diakonischen Versorgung, der Verkündigung und

Pädagogik, sondern auch darin, Verständigung zu ermöglichen, Moderatorin

zu sein, Spannungen abzubauen und Menschen an ihren gemeinsamen Traum

von einem guten Zusammenleben zu erinnern. Beim zweimonatlichen

ökumenischen Runden Tisch mit allen Moscheevereinen, in der Einladung zu

multikulturellen Veranstaltungen, im Seelsorgeeinsatz bei Krisenfällen

und in der Mitarbeit in der Stadtteilentwicklung. Wichtig ist, dass dies

nicht nur eine Aufgabe der AmtsträgerInnen ist, sondern Verantwortung

der Gemeinde.

 

Natürlich kommen auch bei uns immer wieder

ernsthafte Anfragen: Sollten wir uns nicht auf das Eigentliche

konzentrieren? Unser gemeindliches Gruppen- Binnenleben stärken, unseren

Leuten Heimat geben, ehe wir uns als Kirche für den Stadtteil

verstehen?

 

Die Gemeinde hat vor vielen Jahrzehnten der

alten Reiherstiegkirche den Namen „Emmauskirche“ gegeben. Dieses

Kirchgebäude erhielt den Namen eines Dorfes, zwei Stunden von Jerusalem

entfernt. Der Ort, zu dem zwei Menschen unterwegs waren, die nach der

Kreuzigung Jesu aus Jerusalem geflohen waren. Der Ort, wo ihnen bei der

Begegnung mit dem Auferstandenen die Augen geöffnet wurden und sie

erkannten, dass ihr „Herz brannte“. Wilhelmsburg vor den Toren der

Großstadt gelegen, als Emmaus? Ich finde nach wie vor, dass diese

Ostergeschichte sehr gut zur Reiherstieggemeinde passt: Menschen auf dem

Weg, gerade Müde, Enttäuschte und eigentlich Engagierte an ihre Vision

zu erinnern. Menschen überhaupt Jesus Christus begegnen zu lassen auf

ihrem Weg. Sie an einen Tisch zu rufen, sie zu stärken und ihnen die

Frohe Botschaft anzuvertrauen. Wir alle können als unstete und flüchtige

Erben Kains in der Kirchengemeinde einen Ort finden, der uns erinnert

an die Bestimmung unseres Lebens und uns ermutigt zu neuen

Lebensentwürfen.

 

Ich glaube, das ist ein Programm, das nicht

nur der Reiherstieg-Gemeinde anvertraut ist, sondern inzwischen jeder

Großstadtgemeinde.

 

Zu unserm ureigenen

evangelisch-protestantischen Profil gehört es, dass wir als Gemeinden

nicht (nur) Traditionen  bewahren, sondern, versuchen in die

Gesellschaft hineinzuwirken, Menschen an ihre Verantwortung vor Gott und

den Nächsten erinnern und die Vision, die Jesus in Wort und Tat gelebt

hat ausstrahlen. Wir sollen Brücken bauen, die Menschen auf Gott und

aufeinander zusammenbringen. Wie heißt es: „Wem viel gegeben ist, bei

dem wird man viel suchen und wem viel anvertraut ist, von dem wird man

um so mehr fordern (Lk. 12,48). Ja, Gott hat uns seinen Sohn geschenkt

und den Heiligen Geist verheißen. Er traut uns zu, dass wir als gute

HaushalterInnen diese Vision leben.

2. Die EMMAUSKIRCHE in der Mannesallee

Die

Grundsteinlegung für den Kirchbau im Reiherstiegviertel geschieht unter

großer Anteilnahme der Bevölkerung am 7. Juni 1895. Auf dem der jungen

Kirchengemeinde von der Firma C. Vering kostenlos überlassenen

Grundstück entsteht in 16-monatiger Bauzeit unter der Planung und

Bauleitung durch den Architekten Louis ein neugotischer Kirchbau. Die

Einweihung der „Reiherstiegkirche“ findet am 25. Oktober 1896 statt,  Herr

Pastor Mannes, der erste Pastor der jungen Gemeinde, hält die Predigt.

Am Karsamstag 1945, am 31. März wird die Kirche

von einer britischen Luftmine getroffen, das Kirchenschiff wird völlig

zerstört. In den folgenden neun Jahren findet das gottesdienstliche

Leben im Gemeindehaus Rotenhäuser Damm statt. Unter den Pastoren

Kollhoff und Ahnert kommt es zum Wiederaufbau des Kirchenschiffes. Die

Architekten Hopp und Jäger planen einen Bau, der aus Kostengründen fünf

Meter flacher (16 Meter hoch) sein soll, und den Turm der

Jahrhundertwende mit einem modernen Kirchenschiff harmonisch verbinden

wird. Nach fast 14-monatiger Bauzeit feiert die Gemeinde am Sonntag

Lätare, dem 28. März 1954, die Einweihung der Kirche. Sie trägt von nun an

den Namen „Emmauskirche“.

3. Die PAUL-GERHARDT-KIRCHE in der Georg-Wilhelm-Straße 121

Die

1895 von der Kreuzkirche in Kirchdorf abgetrennte Reiherstieg-Gemeinde

wuchs infolge der Industrialisierung und der Hafenerweiterung schnell zu

einer großen Stadtgemeinde an und hatte bald drei Pfarrbezirke. Schon

1929 wurde im Südbezirk ein Gemeindehaus mit Kirchsaal gebaut und ein

eigenständiges Gemeindeleben entwickelt. Die Gottesdienste wurden

zunächst in der Kapelle des ehemals kirchlichen Friedhofs in der

Mengestraße gefeiert.

 

Am 1. April 1957 wurde die Paul-Gerhardt-Gemeinde

selbständig und nahm weiter raschen Aufschwung. So wurde die Planung für

einen Kirchenneubau von Pastor Kunert vorangetrieben. Die

Grundsteinlegung erfolgte am 1. Advent 1959 und am Sonntag Reminiscere,

am 26. Februar 1961, konnte Landessuperintendent Dornblüth aus Lüneburg die

feierliche Einweihung des Gotteshauses vornehmen.

 

Der Kirchbau wurde finanziert vom

Gesamtverband des Kirchenkreises Harburg und aus Spenden des

„Freundeskreis der Paul-Gerhardt-Gemeinde“. So wurde die Ausgestaltung

des Kirchenraumes mit Relief und Buntglasfenstern, drei der vier Glocken

und ein wesentlicher Teil der Orgel sowie der Taufstein weitgehend über

Spenden ermöglicht.

 

Die große Sturmflut vom 16./17. Februar 1962

brachte nicht nur viel Leid über die Bevölkerung, sondern überschwemmte

auch Kirche und Gemeinderäume. Mit Hilfe von Zuschüssen und Spenden

wurden die Räume wiederhergestellt.

 

1965/66 beherbergte die Kirche auch die

katholische Gemeinde, während der Umbauphase der Bonifatiuskirche. In

den 90er Jahren nutzten auch freikirchliche afrikanische Christen den

Kirchraum mit.

 

Kirchraum, Orgel und Glocken:

Die Kirche bietet über 300 Menschen Platz und

wurde nach den Plänen des Architekten G. Johannsen aus Hamburg

errichtet. Kirchenvorstand und Architekt hatten sich vorher verschiedene

Kirchbauten angesehen und sich dann für diese Modell entschieden. Der

in ungewöhnlicher Ost-West-Richtung liegende Bau ist eine einschiffige

Stahl-Beton-Skelett-Konstruktion, deren Fächer und Giebelwände in

Mauerwerk aus roten, norddeutschen Handstrich-Backsteinen ausgeführt

sind.  Der ebenfalls in Betonfachwerk mit Mauerwerksscheiben

ausgeführte, 30 Meter hohe Turm und Glockenträger ist freistehend

errichtet und wird von einem Wetterhahn gekrönt.

 

Das Kirchenschiff wird beherrscht durch das Relief an

der Altarrückwand. Es ist nach einem Entwurf des Bildhauers K. Schubert

gestaltet und zeigt fünf Jünger in einem Boot, die zu Jesus

emporblicken. Der „Seewandel Jesu“ nach Markus 6,45-52 ist somit

dargestellt. Altar, Kanzel und Taufbecken sind in

klaren, geometrischen Formen gehalten. Das Tageslicht tritt durch

schlanke, mit buntem Glas versehene Fenster an der Südseite ein und

taucht das Relief in wechselndes, farbiges Licht.

 

Den Altar schmücken 6

Leuchter und ein schlichtes Kruzifix. Ende 1968 wurde dieses bei einem

Einbruch gestohlen. Da die Versuche des Diebes, es einzuschmelzen

erfolglos waren, warf er es in die Wettern, aus der es wieder geborgen

werden konnte.

 

Das zu Pfingsten 1964 fertiggestellte Buntglasfenster

an der Nordseite wurde von der Künstlerin I. Jepsen von Geiso entworfen

und deutet den Weg des Gottesvolkes an: Aus dem Dunkel der Schuld zum

hellen Licht Christi.

 

Die von Orgelbaumeister Hillebrand gebaute Orgel

steht auf der Eingangsempore. Sie hat 1704 Pfeifen in Hauptwerk,

Brustwerk und Pedal mit insgesamt 25 Registern. Die Holzpfeifen sind aus

18 Jahre lang gelagertem Eichenholz, die Metallpfeifen aus Kupfer oder

Zinn-Blei-Legierung gefertigt. Die kleinste hat einen Klangkörper von 6

mm Länge, die größte misst 4,50 m.

 

Das im Turm aufgehängte Geläut besteht

aus vier Glocken, die am 7.10.1960 unter Beteiligung von mehr als 50

Gemeindegliedern in der Glockengießerei der Gebrüder Rincker in

Sinn/Dillkreis gegossen wurden. Die drei großen Glocken sind Spende des

Freundeskreises, die kleinste Taufglocke wurde von Architekt Johannsen

gestiftet. Sie haben die Tonfolge e-a-cis-d und tragen Inschriften aus

Kirchenliedern von Paul-Gerhardt:

 

-         Dominica (1098kg): „Kommt und lasst uns Christum ehren ...“

-         Betglocke (511 kg): „Wenn ich einmal soll scheiden ...“

-         Trauglocke (319kg): „Sprich Ja zu meinen Taten ...“

-         Taufglocke (234kg): „Solange dieses Leben währt